„Permanente Anspannung“: Notaufnahme am Limit - Eine Schicht im Klinikum Erding (2023)

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Von: Hans Moritz

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„Permanente Anspannung“: Notaufnahme am Limit - Eine Schicht im Klinikum Erding (1)

Personalmangel, Corona, immer mehr Patienten: Die Belastung in den Notaufnahmen nimmt beständig zu - auch im Klinikum Erding. Wir waren eine Schicht in der Notaufnahme dabei.

Erding – Wie, um Himmels Willen, soll man sich hier konzentrieren können? Im Hintergrund des Büros von Martha Engel herrscht eine beachtliche Geräuschkulisse. Ständig läuft jemand vorbei, Stimmengemurmel ist zu hören, alle paar Minuten klingelt das Telefon. Sie ist Pflegeleiterin der Zentralen Notaufnahme (ZNA) am Klinikum Erding. Ihr Job: Sie managt eine Abteilung, in der man für alles gerüstet ist, in der aber nichts planbar ist.

Es ist gegen 11 Uhr, in der Notaufnahme herrscht der übliche Trubel. Alexander Petri, Engels Stellvertreter, steht vor einem Monitor, der alle Räume der Notaufnahme anzeigt, zusätzlich ein paar farbige Punkte und Symbole – Patienten. Je mehr bunte Punkte und Symbole, umso höher das Stresslevel.

Notaufnahmen im Krankenhaus am Limit: Längst nicht alle Patienten echt Notfälle

Alle Behandlungsräume sind jetzt belegt. Da ist eine Patientin mit einer schmerzhaften Nierenkolik, eine ältere Dame mit einer Kopfplatzwunde und ein Mann mit heftigen Bauchschmerzen. Doch Punkte und Symbole sind auch dort zu sehen, wo eigentlich der Flur ist. Auch auf dem liegen Patienten und warten. Eine Seniorenheimbewohnerin ist bereits um halb sechs in der Früh eingeliefert worden. Seit Stunden wartet sie darauf, dass endlich ein Krankenwagen frei wird, der sie ins Heim zurückbringt. Die Notaufnahme ist zu klein, lange schon, immerhin: Es zeichnet sich eine Verbesserung ab.

„Permanente Anspannung“: Notaufnahme am Limit - Eine Schicht im Klinikum Erding (2)

Dazwischen macht sich eine jüngere Frau daran, die ZNA auf eigene Faust zu verlassen. Sie kam aus der Taufkirchener Psychiatrie, weil sie sich wieder einmal selbst verletzt hat. Ihr Betreuer läuft ihr hinterher und holt sie zurück.

Immer mal wieder sieht man die diensthabenden Ärzte über den Flur huschen, ein Internist und eine Chirurgin. Und Petri fischt alle paar Minuten sein Telefon aus dem blauen Kittel. Jetzt ist eine Frau dran, die ihr Arzt hierher überwiesen hat. „Kommen Sie gleich“, rät ihr der Krankenpfleger. Ob sie nicht auch morgen kommen könne, fragt sie.

Dieser Fall ist exemplarisch für das Problem, das alle Notaufnahmen haben. Längst nicht alle Patienten, die hierher kommen, sind echte Notfälle. Der Fehler steckt im System. Ein System, an dem Engel manchmal verzweifeln kann. „Wir haben in Deutschland ein strukturelles Problem mit der ambulanten Versorgung durch niedergelassene Ärzte“, sagt sie. Viele ZNA-Patienten wären bei ihrem Haus- oder einem Facharzt besser aufgehoben. Doch die Praxen sind nicht immer geöffnet, und ein Patient will sofort behandelt werden, zumindest wissen, was ihm fehlt. „Dafür habe ich auch vollstes Verständnis“, sagte die Pflegeleiterin.

Notaufnahme im Klinikum Erding: Zeitnah Facharzttermine zu bekommen gleicht Lotteriespiel

Das zweite Problem: Zeitnah einen Facharzttermin zu bekommen, gleicht einem Lotteriespiel. „Wenn jemand zum Beispiel Rückenschmerzen hat, will er nicht ein paar Wochen auf einen Termin beim niedergelassenen Orthopäden warten“, sagt Engel. Kein Wunder, dass diese Menschen in die Notaufnahme kommen.

Das Problem: Solche Fälle werden von den Kassen völlig unzureichend vergütet. Und sie verstopfen ein System, das in erster Linie dazu da ist, akut Kranken und Verletzten zu helfen. „Wir weisen niemanden ab“, stellt Engel klar. Sie weiß: Dieser Zulauf ist letztlich auch ein Vertrauensbeweis ins Klinikum.

Die Kehrseite: Wer in keinem lebensbedrohlichen Zustand ist, muss teils stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen. Und das sorgt für Verdruss – beim Klinikpersonal, noch mehr aber bei den Patienten. Denn die Reihenfolge bemisst sich ausschließlich nach der Dringlichkeit. In keinem Bereich des Gesundheitssystems sind alle Menschen so gleich wie in einer Notaufnahme. Der Privatpatient mit einer kleineren Schnittwunde muss eben länger warten als der Kassenpatient mit akuter Atemnot.

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Als in der Hochzeit der Corona-Pandemie täglich Covid-Patienten starben, machte ein Wort aus dem Kriegsvokabular die Runde: Triage. Wer soll entscheiden, welchem Schwerstkranken noch geholfen wird und für wen man nichts mehr tun kann? In der Notaufnahme ist die Triage Alltag, aber nur selten geht es wirklich um Leben und Tod. Engel zeigt dazu eine Farbskala, wie lange ein Patient mit welchen Symptomen maximal auf einen Arzt warten muss. Auf besagtem Bildschirm sind Uhren zu sehen, wie lange die Patienten schon warten.

Dieser Bildschirm hängt in der neu geschaffenen Aufnahme, wo eine Fachkraft alle Patienten empfängt, die Versichertenkarte entgegennimmt und eine Krankenakte anlegt. Hinter ihr sind zwei Behandlungsräume für die erste Sichtung – eine erfahrene Pflegefachkraft nimmt hier die Ersteinschätzung vor.

Notaufnahmen im Krankenhaus: Belastung nimmt laufend zu - Corona hat Druck erhöht

Hier landet auch eine junge Frau, die auf den ersten Blick alles andere als ein Notfall aussieht. Zur Urinprobe geht sie selbst und sagt noch: „Bin gleich wieder da.“ Wieder so ein falscher Notfall? Nein, sagt Petri. Es ist eine Schwangere, bei der Blutungen eingetreten sind. „Das muss man schon ernst nehmen.“ Es ist ein Nachmittag, an dem die Arztpraxen in aller Regel geschlossen sind.

Insgesamt nimmt die Belastung laufend zu, Corona hat den Druck noch erhöht. „Früher wurde es irgendwann in der Nacht ruhig, jetzt ist rund um die Uhr Betrieb“, schildert Engel. „Wir waren früher nachts alleine in der ZNA, heute sind es mindestens drei Pfleger.“ 19 von ihnen sind der Notaufnahme zugeordnet, hinzu kommen sechs medizinische Fachangestellte und drei Pfleger von Leiharbeitsfirmen. Im Früh- und Spätdienst sind sie zu viert plus Springer.

Nicht nur die Zahl der „echten Notfälle“ nimmt zu, berichtet Engel. Immerhin wächst ja auch die Bevölkerung. Immer öfter kämen aber eben die Notfälle, die eigentlich keine sind. „Dennoch schauen wir uns jeden an, die Ärzte wollen auf Nummer sicher gehen, dass sie wirklich nichts übersehen haben“, so die Pflege-Chefin. Die Folge: Die Verweildauer erhöht sich und macht den Flaschenhals des klinischen Systems noch enger.

Corona hat das Problem verschärft, denn das Virus erwischt auch das Personal. Die Kliniken arbeiten am Anschlag, manchmal sogar darüber hinaus. Den Häusern bleibt dann oft nichts anders übrig, als Stationen vorübergehend abzumelden und Betten zu sperren. Das wiederum setzt eine Kettenreaktion in Gang: „Patienten werden dann von weit hergefahren, weil andere Häuser nicht mehr aufnahmefähig sind. Das bindet auch den Rettungsdienst“, erklärt Petri. Er weiß, wovon er spricht, fährt er doch nebenher selbst Rettungswagen.

Personalmangel im Krankenhaus: Für Mitarbeiter reiht sich Schicht an Schicht

Ähnliches erlebt hat an diesem Mittag eine querschnittsgelähmte Frau mit einem äußerst schmerzhaften Harnwegsinfekt. In Landshut, wo sie eigentlich hätte versorgt werden sollen, hat man sie nicht angenommen. Nun ist der Rettungswagen von Velden nach Erding gefahren. Die Notaufnahme bleibt immer offen. „Aber im Extremfall weisen wir die Rettungsleitstelle hin, dass wir überbelegt sind“, berichtet Engel.

Auch in Erding war zuletzt viel von Personalmangel zu hören, die Mitarbeiter sind zusehends überlastet, sodass Landrat Martin Bayerstorfer eiligst ein Entlastungspaket schnüren ließ. „Im Juni hatten wir 35 unbesetzte Dienste“, erinnert sich Engel. „Es macht wirklich keine Freude, Kollegen anrufen zu müssen, ob sie nicht einspringen.“ So reihe sich Schicht an Schicht. Und es komme vor, dass Kollegen sagen: „Ich kann nicht mehr.“ Engel kann’s verstehen. „Es ist eine permanente Anspannung da.“ „Overcrowding“ nennen es Experten.

Die ZNA dürfte zusätzliches Personal anstellen, jederzeit. „Aber es gibt derzeit kaum Bewerber“, bedauert Engel. Dass es die Notaufnahme noch nicht zerrissen hat, „liegt auch daran, dass wir ein super Team sind, wir lassen uns gegenseitig nicht im Stich“, betont Engel. Aber das funktioniere nicht auf ewig. „Das Eis ist schon lange dünn, die Leute müssen auch auf sich selbst achten“, betont die Pflegeleiterin, die vor über 40 Jahren ihr Examen abgelegt hat und seit 1988 im Erdinger Krankenhaus arbeitet. Sie wünscht sich, „dass die Politik auf die neuen Herausforderungen im Gesundheitswesen reagiert.“

Direkt neben dem Klinikum gibt es nicht zuletzt zur Entlastung des Krankenhauses ein Medizinisches Versorgungszentrum, betrieben vom Landkreis. Doch auch das ist nicht immer geöffnet. Wen wundert’s, dass die Patienten dann ein paar Meter weiter in die Notaufnahme gehen.

Probleme in der Notaufnahme: Gewaltsame Patienten

In den gleichen Räumen wie das MVZ ist die Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung untergebracht, ebenfalls gedacht als Puffer vor der Klinik. Doch dort ist nicht immer der jeweils erforderliche Facharzt vertreten. Weiß der anwesende Mediziner sich keinen Rat, weil er nicht Spezialist für alles sein kann, schickt er den Patienten doch in die Notaufnahme. Engel und Petri wollen keinem in Erding einen Vorwurf machen, der Fehler stecke im System.

In der Spitze hatte die Erdinger Notaufnahme 26 000 Patienten in einem Jahr versorgt. 60 bis 80 sind es durchschnittlich jeden Tag. „Es können aber auch mal 100 sein“, sagt Petri, während er sich um einen älteren Mann kümmert, dessen Adern in einem so schlechten Zustand sind, dass das Blutabnehmen zur Tortur wird. Der 30-Jährige, der erst Koch gelernt hat, ist gestresst, doch den Patienten lässt er das nicht spüren.

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Empathie, die nicht immer erwidert wird: Gewaltsame Patienten erleben sie auch in Erding – zunehmend. Engel erinnert sich an einen Patienten, der die Pfleger wüst beschimpft hatte, nur weil er länger warten musste. Sogar mit Schlägen hatte er gedroht. „Eine Woche später kam er wieder, und natürlich haben wir uns wieder um ihn gekümmert.“ Wer körperlich gewalttätig wird, werde fixiert. Die Polizei hat nur ein paar Meter. „Aber solche Exzesse machen schon was mit einem“, gibt sie zu.

Und trotz aller Entbehrungen und Herausforderungen betonen Engel und Petri, ihren Beruf zu lieben, gerade in der Notaufnahme. Denn er ist ein besonderer: „Die Arbeit ist sehr vielseitig – kein Tag gleicht dem anderen. Man weiß nie, was passiert. Von einem Fahrradsturz bis hin zu einem Polytrauma oder Herzinfarkt ist alles möglich“, erklärt der zweifache Vater Petri. „Wir sind dafür da, dass Menschen schnell geholfen wird.“ Um das alles zu meistern, gibt es eine zweijährige Weiterbildung zur Fachkraft für Notfallpflege.

„Wir erleben hier wirklich alles“, erzählt der 30-Jährige, während er schaut, dass ein Mann um die 60 versorgt wird, den es vom Rennrad geworfen hat, als er einem Auto ausweichen musste. Seine Schürfwunden und Prellungen sind schmerzhaft. Und für die Querschnittsgelähmte ist endlich ein Bett da. Sie kommt auf Station.

Petri betont, mehr Geld allein werde die angespannte Lage in der Pflege nicht beheben, „auch wenn wir uns natürlich eine bessere Bezahlung wünschen“. Die Arbeitsbedingungen müssten sich ändern, „dann ergreifen diesen Beruf wieder mehr junge Menschen“. Es ist 15 Uhr, Petri blickt auf den Monitor. Einige bunte Punkte sind verschwunden – Zeit zum Durchschnaufen. Aber wie lange auf einer Station, auf der nichts planbar ist? Hans Moritz

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Author: Arielle Torp

Last Updated: 11/19/2022

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